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Autor dieser Seiten:  Detlef Knick - Berlin 
 
Die Spieluhren-Metropole
Sainte-Croix
Kleine Spieldosen ab 1900
 
Weitere Infos auf folgenden Seiten:
square30_yellow.gif  Ausführliche Restaurierungen Walzen-Spieldosen
square30_yellow.gif  Einfache Restaurierungen Walzen-Spieldosen
square30_yellow.gif  Technische Details Walzen-Spieldosen - Teil 1
square30_yellow.gif  Technische Details Walzen-Spieldosen - Teil 2
square30_yellow.gif  Datierung Walzen-Spieldosen
square30_yellow.gif Die Spieluhren-Metropole Sainte-Croix in der Schweiz
square30_yellow.gif Walzenspieldosen J.H. Heller - Thorens - Rzebitschek
square30_yellow.gif Links + Adressen + Museen
square30_yellow.gif  Technische Details zu Blechplatten-Spieldosen
square30_yellow.gif  Blechplatten-Spieldosen - Ausführliche Dokumentation
square30_yellow.gif  Lochplatten / Blechplatten reparieren
square30_yellow.gif  Lochplatten Größentabelle für Polyphon & Symphonion
square30_yellow.gif  Polyphon auf der Pariser Weltausstellung 1900
square30_yellow.gif  Zigarettenspender Automaten m. Spielwerk
square30_yellow.gif  Pfeifer Automaten von Griesbaum
 
 
  
 
Eine ältere Schilderung der Spieluhren-Metropole Sainte-Croix
im Schweizer Jura können Sie hier lesen
 
 
Betrachtung der Spieldosen-Industrie  1900 - 2004
im Schweizer Kanton Waadt in Sainte-Croix
 
Sainte Croix
 
Sainte-Croix - Sainte-Croix/Les Rasses Le Balcon du Jura Vaudois  
 
 
Zu Beginn des neuen 20. Jahrhunderts geben viele Hersteller - insbesondere von Walzen Spieldosen - auf und stellen ihre Produktion ein.
Infolge von Konkurs, Berufswechsel oder aus Mangel an Nachfolgern.
 
Der Grund dafür war ein schwindendes Interesse an der Walzen-Spieldose, sowie als Folge davon ein enormer Lohn- und Preisverfall.
Ausserdem erfand 1877 Thomas Alva Edison den Phonographen. Damit begann ein neues Zeitalter der Tonaufzeichnung.
 
Und bereits 10 Jahre später -1887 - erfindet der deutschstämmige Amerikaner Emile Berliner das Grammophon.
 
Die Hersteller der großen Walzenspieldosen aus Genf stellten ihre Fertigung weitgehend ein, und die Fabrikanten der kleinen Musikdosen aus der Gegend im Sainte Croix versuchten das Beste aus der Situation zum machen.
 
Der Beginn des Ersten Weltkriegs verschlimmert alles weiter. Der Markt für Musikwerke bricht total ein.
 
Die Exporte aus der Schweiz, die 1896 wertmässig noch drei Millionen Franken ausmachten, sinken 1910 auf 1 Million. 1917 sind es nur noch 197 000 Franken, die tiefste in der eidgenössischen Statistik je verzeichnete Zahl.
Zylinder-Spieldose
um 1900 mit 2 Melodien.
swiss_musical_box_bremond_1900.jpg
Schweizer Zylinder-Spieldose
um 1900 Hersteller: Bremond
   Klick auf das Foto
swiss_musical_box_mermod_freres_1900.jpg
Schweizer Zylinder-Spieldose
um 1900
Hersteller: Mermod Freres
   Klick auf das Foto
 
mermod_freres_01.jpg
Kleine Zylinder-Spieldose
2 Melodien von Mermod Freres
Melodienwechsler auf der Unterseite (!) 
   Klick auf das Foto
mermod_freres_02.jpg
 
Detailfoto --> siehe Foto links
 Klick auf das Foto
 
 
 
 
 
Für die Firmen der Musikdosenindustrie von St. Croix
beginnt eine lange Zeit des Niedergangs
 
Einige Unternehmen haben die 20´er und 30´er Jahre überstanden, indem sie kleinere Spielwerke für die Schweizer Fremdenverkehrszentren fabrizierten. Oder weiter an deutsche und amerikanische Spielwarenhändler lieferten und vorab die Pilgerzüge nach Lourdes versorgten.
 
Kleine Spielwerke werden jetzt in allen möglichen und unmöglichen Gegenstände eingebaut. Hauptsache, das Resultat ist originell.
Andere Unternehmen - wie der bekannte Spieldosen Hersteller Ernest Paillard & Cie. SA aus Sainte-Croix- stellten ihre Produktion um.
 
Paillard stellte ab 1897 u.a. Grammophone und vieles andere her.
 
Auch die Hermann Thorens SA war bis in die 1950iger Jahre führend in der Grammophonindustrie.
 
Frühe Musikdose des Herstellers
Paillard & Cie. SA
 
Nach der Wirtschaftskrise der 1930´er Jahre bleiben nur noch sieben Fabrikanten von Musikwerken übrig:
 
 Alice Reuge - Sainte-Croix - Gründungsjahr 1865
 Hermann Thorens - Sainte-Croix - Gründungsjahr 1883
 Adrien Lador
 Alexis Jaccard - Sainte-Croix
 John Cuendet
 Ami Margot-Cuendet - L'Auberson
 André Gueissaz - L'Auberson - Gründungsjahr 1848
 
 
zylinder_spieldose_fa._cuendet.jpg
 
walzen_musikwerk_um1900_37_toene.jpg
Zylinderwerk
Hersteller: Cuendet
 
Beispiel Zylinderwerk
um 1900 - unrestauriert
  Klick auf die Fotos zum Vergrößern
Nach Ende des 2. Weltkriegs 1945 bringt der Frieden einen gewissen Nachholbedarf. Es setzt langsam soetwas wie Konsumfieber ein.
 
 
Kleine Musikdose
der Firma Gueissaz
Kleine Geschenke sind auf einmal gefragt. Diesem Bedürfnis entspricht die Spieldose idealerweise.
 
Die amerikanischen Besatzungstruppen machen die Spieldose zu einem typisch Europäischen Souvenier.
 
Hundserttausende, ja Millionen kleiner Spieldosen werden auf einmal - auch für den Übersee-Export - verlangt. Dieser Nachfrage sind die wenigen Unternehmen nicht gewachsen.
Bis 1955 schießen wieder neue Fabriken für Spieldosen wie Pilze aus dem Boden.
1955 gibt es bereits 20 produzierende Firmen. Durch die Konkurrenz kommt es zu einem enormen Preisverfall.
 
Mitte der 50iger Jahre kommen dann die ersten Musikwerke aus japanischer Produktion auf den Markt.
 
Sie weisen ein Preis- Leistungsverhältnis auf, welches die schweizerische Produktion auf eine harte Probe stellt.
 
1973 erreicht der Umsatz 33 Millionen Franken, allerdings geht es jetzt schon wieder rapide bergab.
Die Nachfrage nach kleinen Musikwerken und Spieldosen sinkt beträchtlich. Mehrere Unternehmen müssen ihre Tore schließen.
 
 
Die Konzentration geht weiter.
 
Die Fa. Reuge übernimmt in den Jahren 1960-2007 folgende Unternehmen:
 
 1960  Bontems in Paris - Herstellung mechanischer Singvögel. 
 1977  Eschle - Mechanische Singvogeldosen und Vogelkäfige.
 1985  Mélodies SA - Herst. der Plattenmusikdosen THORENS.
 1986  Lador - Fabrikant eines 18 stimmigen Werkes.
 1991  Cuendet - Hersteller von Musikwerken für Kuckucksuhren.
 2007  Mermod Frères - ebenfalls aus Sainte-Croix, Spieldosen.
 
 
Guido Reuge reagiert auf die wachsende Nachfrage
von Seiten der Sammler
und Liebhaber schöner
alter Mechanik sowie nach
erstklassigen Musikdosen.
REUGE - Spieldose Mozart's 250
Anniversary - Limited edition
Video mit Ton
REUGE - Die Herstellung
der Walzenspieldosen
How its made Cylinder Music Boxes
Video mit Ton
 
 
 
 
Die Firma Reuge stellte aber auch Zigarettenspender-Automaten
mit eingebautem Walzenspielwerk her (!)
 
Gehe zur Seite Zigarettenspender Automaten
 
 
 
 
REUGE Spieldose
mit wechselbaren Walzen.
Aus neuerer Produktion.
 
So beginnt
Guido Reuge
in den 1970´er Jahren mit dem Nachbau einstiger Spitzenprodukte.
 
Zum Beispiel der
Sublime Harmonie mit auswechselbaren Zylindern, der Cartels (Große Spieldosen)vom Typ Revolver, den Bahnhofautomaten oder der Musikuhren.
Reuge 60-Ton-Zylinder  Maße: 25x16x12 cm
REUGE Spieldose - Zylinder mit 60 Tonzungen.
Spielt im Wechsel der Stunden 12 verschiedenen
Melodien bekannter Komponisten sowie
bekannte Glockenschläge wie die von
Whittington, Salzburg und Westminster.
 
Maße: 25 x 16 x 12 cm
 
 
1988 Reuge wird von einer Schweizer Investorengruppe übernommen, welche das Unternehmen modernisiert. 
1993 Reuge übernimmt ein Vertriebs- und Montageunternehmen in den USA und gründet Reuge Music USA Ltd.
2001-2003 Restrukturierung nach wirtschaftlicher Krise. Die Produktion bestimmter Musikwerke wird eingestellt.
2004 Reuge hat so etwas wie ein weltweites Monopol für Musikdosen, Singvögel und Musikuhren im Luxussegment.
 
 
Die Fa. Reuge schwingt sich weltweit zu einem der
größten Anbieter für erstklassige Spieldosen auf.
www.reuge.com
REUGE SA - Rue des Rasses 26 - 1450 Sainte-Croix (Schweiz)
 
 REUGE Spieldose aus neuerer Produktion
Video mit Ton
 
Reuge Grand Cartel 144
 
 
 
Fünf Klangbeispiele von kleineren Walzenspieldosen
 
Allegro Menuett von Mozart
Die Vier Jahreszeiten von Vivaldi
Gavotte Menuet von Mozart
Rigoletto Aida von Verdi
Wiener Leben von Strauss
  
 
Im Jahre 2006 gibt es im Norden des Kantons Waadt
noch drei Firmen welche Musikdosen produzieren.
 
Die Firma Reuge SA in Sainte-Croix, das führende Unternehmen
der Region, produziert noch heute die vollständige Palette im
Musikdosenbereich. Dabei verbindet sie modernste Technologie
für die serienmässig hergestellten Modelle mit hochstehender
Spezialistenarbeit für Sondermodelle.
CH-1450 Sainte-Croix - Rue des Rasses 26
Die Firma MAP SA (Mouvements à musique) in Yverdon produziert
Musikwerke und Spieldosen.
CH-1400 YVERDON-LES-BAINS - RUE DES CHAMPS-LOVATS 30
Tel. +41 (0) 24 425 66 36
Das Familienunternehmen André-Paul Gueissaz-Jaccard in
Ste-Croix. Hier werden Einzelbestandteile zusammengekauft, und zusammengesetzt.
CH-1450 Sainte-Croix - Rue William Barbey 3  Tel. +41 (0) 24 454 25 92
 
Infos zu Walzenspieldosen und Kammspielwerken der Hersteller
Rzebitschek   -   J.H. Heller   -   Thorens  
 
 
 
 
Wikipedia Die freie Enzyklopädie
 
Informationen zu Spieldosen gibt es auch bei WIKIPEDIA. Sie können dort Ihre eigenen Erkenntnisse hinzufügen und damit der Öffentlichkeit zugänglich machen.
Ich bin Urheber des Artikels.       

 

 
 
 
Es folgt eine ältere Schilderung über...
 
Die Spieluhren-Metropole
Sainte-Croix im Schweizer Jura
 
Sainte-Croix gilt weltweit als Metropole der Spieluhren und Musikautomaten. Zwar ist die große Zeit der Spieluhren vorbei, doch noch immer werden in dem Städtchen im Schweizer Jura die tönenden Kunstwerke gefertigt, ist ihre traditionelle Herstellungsweise zu bewundern, und ein kleines Museum zeigt ihre Geschichte.
 
"Bienvenue au pays des rêves mécaniques." Mit diesem in Blech gestanzten Willkommensgruß empfängt das Schweizer Städtchen Sainte-Croix all jene, die in Yverdons-les-Bain den Schienenbus mit den lachenden gelben Walzenkobolden auf dem frischen blauen Lack zum Aufstieg auf den "Balkon des Waadtländer Jura" wählten und nach 35 Fahrtminuten nun an der 1.000 Meter hoch gelegenen Endhaltestelle der Strecke angelangt sind.
"Willkommen im Land der mechanischen Träume."
 
Drei Plakate säumen die freundlichen Worte unter dem blau-weißen Bahnhofsschild. Sie künden von den Besonderheiten der 4600-Seelen-Kommune nahe der französischen Grenze:
Dem CIMA-Museum, der Spieluhrenfabrik Reuge und dem Musée Baud, einer privaten Sammlung mechanischer Musiken in der Nachbargemeinde Auberson.
 
Mit diesen drei Einrichtungen erinnert das an die Jura-Hänge gestaffelte "Dorf der Töne", wie sich Sainte-Croix auf einer Postkarte nennt, an die wirtschaftliche Blütezeit der Region, die zunächst als Hochburg der Uhrenindustrie galt.
 
Um 1890 dann zur "Welthauptstadt" der mechanischen Musiken avancierte und heute als einzige Stätte in der Schweiz das Erbe von Anton Favre, dem Genfer Erfinder der Musikdose, weiterführt.
Grosse Walzenspieldose
Große Walzenspieldose
Auf großen Walzen sind
ca. 8 - 10 Musiktitel gestiftet,
auf kleineren ca. 4 - 6 Titel.
 
Die wichtigsten Hersteller waren:
L'Epee - Abrahams - BakerTroll
Mermod Freres - Nicole Paillard
B.A. Brémond - Rzebitschek
 
Anno 1796 kam Favres boîte à musique zur Welt. Ein Taschenührchen, in dem - ähnlich wie beim Glockenspiel, das man bereits im 14. Jahrhundert in Flandern erfand - eine Walze mit kleinen Erhebungen eingebaut war. Diese Erhebungen, Zinken oder Warzen genannt, rissen an Metallstiften unterschiedlicher Länge und erzeugten so eine Melodie.
 
Nach dem gleichen Prinzip funktioniert eine Spieldose noch heute.
Allerdings gibt es inzwischen recht verschiedene Werke. Bei den einfachsten treibt eine Kurbel die Walze an, deren Erhebungen dann die unterschiedlich lang und unterschiedlich dick geschliffenen Zungen oder Zähne eines Stahlplättchens, des Stimm- oder Tonkammes, anreißen, die in verschiedenen Tonhöhen klingen.
Die Walze enthält also die Partitur des zu spielenden Stücks. Die horizontalen Zwischenräume zwischen den Walzen-Zinken legen dabei die Noten fest, die vertikalen bestimmen den Rhythmus. Hört man allerdings auf zu kurbeln, endet auch die Musik.
 
Komfortabler sind Spielwerke mit Schlüssel und Aufzugfeder. Sie laufen automatisch ab, wenn man sie einmal aufgezogen hat. Von ihnen gibt es auch besonders wertvolle Versionen mit 36 oder 72 Tönen.
 
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walzen_musikwerk_1820.jpg
 
Interessantes Beispiel für ein
frühes Walzen-Musikwerk
um 1820 mit 55 Tönen.
 
Tonzungen in einzelnen
2-er und 3-er Gruppen angeschraubt.
 - Mit 2 Melodien -
 
Ebenfalls nur einmal angestupst werden muß das Schnurzugwerk. Dauerhandbedienung hingegen braucht wieder das Lochstreifenwerk.
 
Aber es hat den Vorteil, daß man mit ihm beliebig viele Musikstücke spielen kann, während bei den anderen Werken fast immer nur ein oder zwei Melodien erklingen.
Die Lochstreifen gibt es heute schon mit vorgedruckten Tonfolgen zu kaufen, die nur noch ausgestanzt werden müssen.
 
Aber es werden auch Blanko-Bänder angeboten, so daß sich ein Spieldosen-Bastler zudem als Komponist betätigen kann.
 
Nach dem Lochstreifenprinzip arbeitet die der Spieldose eng verwandte Plattenspieluhr.
Ein zungenbesetzer Melodienkamm korrespondiert hier mit einer runden, an bestimmten Stellen ausgestanzten metallenen Scheibe.
 
Etwa eine dreiviertel Minute Musik hat man so früher pro Platte gespeichert. Tänze waren es meist und kurze Stücke von Zeitgenossen. Heute indes klingen aus den Replikaten oft auch Ausschnitte aus berühmten Opern oder Kompositionen von großen Ton-Künstlern wie Beethoven, Mozart oder Brahms.
 
Um 1880 kam dann die plérodienique auf den Markt, die erste Spieldose mit Doppelwalzen-Werk. Fünf Jahre später konnten betuchte Musikliebhaber bereits Spieldosen mit auswechselbaren Walzen erwerben. Hier ein Original Inhaltsverzeichnis/ Melodienzettel einer B.A. Brémond Spieldose mit 4 auswechselbaren Zylindern.     
 
Bald darauf mußte der Walzenwechsel nicht mehr manuell vorgenommen werden, sondern erfolgte mit Hilfe eines Drehhebels und eines Federgehäuses. "Revolver" nannte man dieses revolutionäre System - und so heißt es noch heute.
 
Über das Vallée de Joux breitet sich Favres "Cartel"-Erfindung rasch aus. Zu Beginn des
19. Jh. entstehen in Sainte-Croix die ersten "Glockenspiele ohne Hammer und Glocke".
 
Das Bergörtchen - über dessen Bahnhofsrestaurant-Fassade heute eine mattsilbrige, geschmiedete Notenfolge prangt - wird zum Anziehungspunkt für Uhrmacher aus der ganzen Region.
Auch Charles Reuge, ein horologer aus dem Val-de-Travers, läßt sich in Sainte-Croix nieder und beginnt ab 1865, Spieluhren herzustellen.
Mit Paillard et Cie. eröffnet zehn Jahre später im Ort die erste Fabrik für mechanische Musiken. Bald sind in ihren Mauern mehr als 600 Arbeiter mit der Herstellung von Musikdosen beschäftigt.
 
1886 gründet auch Charles Reuge eine Fabrik. Sainte-Croix erlebt eine wirtschaftliche Blüte. Bald fabrizieren 40 Unternehmen in Sainte-Croix Spieluhren, mechanische Singvögel und Musikautomaten. Nahezu jede Familie der Umgebung stellt als Zubrot zum kargen Ertrag ihrer Landwirtschaft in einer Stube ihres Gehöfts oder in einem angrenzenden Schuppen Teile für die Produktion der tönenden Dosen her.
 
Die wichtigsten Komponenten einer boîte à musique sind der Stimmkamm und der Zylinder. Ihre Herstellung erfordert höchste Präzision, denn ihre Güte bestimmt die Qualität des Werks.
 
Vier Arbeitsgänge prägen allein die Zurichtung des Zylinders, nämlich:
1. die goupillage = Einsetzen der Stahlstifte auf der Zylinderoberfläche.
2. die gommage = Ausgießen des mit Stiften besetzten Zylinders mit einem Harz-Gemisch.
3. die frisage = Schleifen der Stahlstifte auf die gleiche Länge.
4. die plumage = Ankleben von Dämpfer Federn unter den Tonfedern des Stimmkamms.
 
Walzenspieldose mit Trommel, 6 Glocken und Kastagnetten
 
Wertvolle Orchesterspieldose
mit Glocken, Trommel
und Kastagnette
Goupillage meint das Einsetzen der Stahlstifte - die später vom Stimmkamm angerissen werden sollen - in die zuvor gebohrten Löcher des Zylinders. Diese Arbeit verrichteten ausschließlich Frauen.
 
Für 100 eingesetzte Stifte - das Einsetzen geschah mit einem "Poucette" genannten Spezialwerkzeug - wurden 27 Rappen gezahlt. Eine geschickte goupilleuse brachte es auf 700 bis 800 Stifte pro Stunde.
Nach der Goupillage des Zylinders wird bei der Gommage Harz in sein Inneres gegossen. Dadurch wird einerseits die Fixierung der Stahlstifte erreicht, andererseits eine Gewichtserhöhung des Zylinders. Und höheres Gewicht bedeutet bessere Klangfülle.
 
Im nächsten Arbeitsschritt wird die Achse eingesetzt und der Zylinder an beiden Seiten verschlossen. Danach erfolgt die Frisage, das Schleifen der Stiftspitzen auf gleiche Länge.
 
Bei der Plumage klebt der Arbeiter Klang-Dämpfer unter die Zähne des Stimmkamms.
Früher benutzte man als Dämpf-Material Hühnerfedern (das französischeWort plume bedeutet Feder), heute wird oft Plastik verwendet. Dank der Plumage wird der Klang abgedämpft, bevor der nächste Stift den Stimmzahn anreißt. OHNE diese Dämpfer Federn würde der Klang durch starkes klirren und quietschen stark beeinträchtigt werden.
 
Nun sind Zylinder und Stimmkamm fertig für die Montage auf die Platine. Die Antriebsfeder und der Geschwindigkeitsregler werden hinzugefügt, bei größeren Musikwerken auch die Anzeige für den Melodienwechsel. Um seine ganze Klangfülle wiedergeben zu können, erhält das Musikwerk zudem ein Holzgehäuse.
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war das meist ein einfacher, rechteckiger Kasten aus Ulmen-, Tannen-, Pappel-, Nußbaum- oder Lindenholz.
Danach setzte die große Blüte und Gestaltungs Vielfalt der Spieldose ein.
Ihr "Mantel" wurde edler, prachtvoller, mitunter auch pompöser. Komplizierte Intarsienarbeiten, Schnitzwerk,
zylinder_spieldose_1818_86_einzelne_tonlamellen.jpg
Sehr frühe Spieldose
um 1818 aus Genf
 
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Gemälde und Vergoldungen zierten bei den Holzboxen den Deckel, man dachte sich verschiedene neue Gehäuse-Formen aus, experimentierte mit Materialien wie Glas und Lack.
 
Tische, Truhen, Schränke wurden eigens für diese Art des Musikautomaten gezimmert - mit Schubladen und Fächern für den Walzenvorrat. Kleinere Werke wurden in Tabatieren und Taschenuhren eingebaut und mit beweglichen Figuren kombiniert: einer pirouettendrehenden Ballerina zum Beispiel oder einem Koch, der an seinem Miniatur-Herd den Löffel in den Suppentopf senkt.
 
Heute wird für die hölzerne Resonanzbox in der Regel Preßspan verwendet, der gegen Witterungseinflüsse unempfindlicher ist und sich nicht spaltet. Er wird mit Edelhölzern wie Nußbaum, Thuja, Palisander, Eiche oder Zebrano furniert, mit Einlegearbeiten geschmückt und schließlich mit 14 bis 15 Schichten Gummilack bestrichen.
 
Die handwerkliche Herstellung der Resonanzkästen wird in
L´Auberson noch
heute betrieben, einem Straßendörfchen in der Nachbarschaft von Sainte-Croix, das wie ein ausgefranster, heller Strich im Wiesengrün eines breiten Hochtales liegt.
 
Allerdings üben nur noch zwei entsprechend spezialisierte Kunsttischler ihr Metier hier aus:
Sainte Croix
 
Sainte-Croix
 
Auguste Jacques und Denis Margot.
Monsieur Jacques ist schon lange im Rentenalter, mag sich aber nicht zur Ruhe setzen.
 
Seine Werkstatt hat er in dem Zustand belassen, wie er sie vom Vater und der vom Großvater übernahm. Alte Pressen und Zwingen lehnen dort neben dem Bollerofen in einer Ecke; es riecht nach Leim, Holz, Lack und Politur.
 
Der jüngere Kollege Margot arbeitet mit zwei Angestellten in einem etwas moderneren, aber engeren Atelier. Deshalb kommt er stets auf einen Sprung zu Maître Jacques in die Grand Rue 158, wenn wieder einmal ein neugieriger Besucher sehen will, wie ein mit Intarsien kunstvoll geschmückter Resonanz-Korpus für die metallenen Musikwerke entsteht.
 
Deren traditionelle Produktion veranschaulicht auf der gegenüberliegenden Straßenseite Frédérique Baud in dem kleinen, 1955 gemeinsam mit seinen beiden jüngeren Brüdern Auguste und Robert gegründeten Musée Baud.
 
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spielwerk genf um 1815.jpg
 
Frühes Walzenspielwerk um 1815
Tonzungen in 3-er Gruppen.
 
Schweiz / Genf
 
 
Zur Vorführung der uralten Gerätschaften legt "Frédy", wie den 83-jährigen alle nennen, eine blaue Schürze an, setzt eine runde Drahtbrille auf und stülpt ein reich besticktes Käppi auf's schüttere Haupt.
 
In dieser typischen Uhrmachermontur arbeitete einst sein Vater, dessen Atelier der Sohn sorgsam restaurieren ließ.
 
Im Funzelschein einer Petroleumlampe hantiert Baud junior dort nun vor den staunenden Museums Besuchern wie anno dazumal. Mit Bürsten und Hühnerfedern, riemengetriebenen Drehbänken, dünnen Holzstäben, einfachen Sägen, Feilen und Zangen.
 Rasch wird dabei deutlich, wie mühsam die Arbeit gewesen sein muß. Schneiden, Fräsen, Sägen des Stimmkamms, dessen Zähnchen man für die tieferen Töne mit Bleitropfen unterlegt; das exakte Abmessen und Bohren des Zylinders, damit die Notenwerte auch später tatsächlich stimmen; das Einsetzen und Abschleifen der Stifte.
 
Einige Phasen dieses mühsamen Herstellungsprozesses haben inzwischen Maschinen übernommen; vom Grund her ist die Produktion einer Spieluhr jedoch reine Fingerkunst geblieben.
 
Bei der Reuge SA, dem einzigen am Ort verbliebenen Hersteller mechanischer Musik nach dem Niedergang der Firma Paillard, kann man sich davon überzeugen.
Das ehemalige Paillard-Fabrikgebäude beherbergt seit 1985 das Centre International de la Mécanique d'Art (CIMA), ein Museum zur Geschichte des mechanischen Klangs, angefangen vom mechanischen Singvogel, den Pierre Jaquet-Droz 1780 in La Chaux-de-Fonds erfand, über die Musikdosen bis hin zum Edinsonschen Zylinderphonograph, dessen erste Modelle die Sainte-Croixer Fabrikanten Thorens und Paillard realisierten.
 
Die beiden Museen dieser Region
 
Das 1955 in L'Auberson eröffnete das Musee Baud in L'Auberson bei Sainte-Croix.
 
Museum Baud hier klicken
 
Musée Baud  
Grand Rue 23,
CH-1454 L'Auberson,
Tel.: 0041 / 24 / 454 24 84
 
 
 
 
Und das 1985 geschaffene Museum der CIMA
(Centre international de la mecanique d'art) in Sainte-Croix.
 
 Museum CIMA hier klicken
Musée d'Automates et de Boîtes à Musique (CIMA)  
Rue de l'industrie 2,
CH-1450 Sainte-Croix,
Tel.: 0041 / 24 / 454 44 77
 
 
Aus dem Nachlaß der Firma Paillard, die 1975 den Namen Hermes annahm und sich nach der Produktion von Plattenspielern und Radioapparaten auf Schreibmaschinen und Filmapparaturen spezialisierte, stammt auch ein Großteil der CIMA-Exponate.
 
Andere Stücke der Sammlung wurden von Familien der Region zur Verfügung gestellt. Denn fast ein jeder in Sainte-Croix und in den Dörfern der Umgebung hatte einst in irgendeiner Form mit der Fertigung von Musikdosen und der Fabrikation von Klangautomaten zu tun.
 
Heute sind im pays des rêves mécaniques nur noch etwa 200 Menschen in der Musikdosen-Industrie tätig. Das Gros von ihnen ist bei Reuge Music angestellt, arbeitet dort direkt in der Produktion oder fertigt in Heimarbeit das Federkleid mechanischer Vögel, die später mit Nachtigallenruf oder Finkenzwitschern aus Tabatieren emporsteigen oder in goldenen Käfigen den Schnabel öffnen, als könnten sie wahrhaftig singen.
 
Ein kleiner Teil arbeitet - wie die Kunsttischler Jacques und Margot - in Spezialwerkstätten und Ateliers. Auch Michel Bourgoz zählt zu diesem Grüppchen. Sein Arbeitstisch steht unter dem Dach des Musée Baud, der privaten Musikautomatensammlung seines Onkels Frédérique, von dessen väterlicher Werkstatt schon die Rede war.
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walzenspielwerk_glocken_08.jpg
 
Aus der ganzen Welt erreichen den jungen "rhabilleur" Anfragen zur Restaurierung oder Reparatur der subtilen Mechanismen von Spieldosen und anderen automatischen Musikinstrumenten. Zwei Angestellte und Onkel "Frédy" helfen, die Aufträge auszuführen.
 
Die Werkstatt und das Museum sind für Frédérique Baud sein Lebenselixier. Wie Neffe Michel erscheint er daher jeden Morgen pünktlich in der Grand Rue 23 und schlüpft in den grauen Arbeitskittel. In ihm führt er Besucher auch durch das liebevoll zusammengetragene Sammelsurium seiner beiden Museumsräume.
 
Ein Handgriff, ein Kurbeldreh, eine Münze, die durch einen Einwurfschlitz gleitet. Schon zirpt und tschingt es, tönen Glöckchen und Trommeln, steigen Walzermelodien auf aus kostbar verzierten Tannen-Kästchen und regen porzellangesichtige Puppenautomaten ihre Glieder zu zarten Klängen.
 
Über jedes Exponat weiß Monsieur Frédy eine Geschichte, sei es nun die blasebalgbetriebene "Vogelorgel", die Flötenuhr oder die Lochkarten-Organina, das nach dem Prinzip Antoine Favres mit Stiftwalze, Stimmkamm und Aufziehvorrichtung funktionierende "Cartel" in seiner intarsienverzierten Schubladenbox, der Handharmonikaspieler oder der mit fünf winzigen Tänzerinnen in Bauerntracht bestückte Bahnhofsmusik-Automat.
 
Video mit Ton  
Etwa 20 solcher automatischer "Bahnhofsmusiken", hergestellt vor gut 100 Jahren im pays des rêves mécaniques, sind noch heute an Schweizer Bahnstationen in Betrieb. Eine davon ist Yverdons, die Talstation des Bergbähnchens nach Sainte-Croix.
 
An der Stirnwand ihres Wartesaals hängt dort neben dem silbern blitzenden Telefonapparat ein brauner, fast schrankbreiter Guckfenster-Kasten.
Für 20 Rappen offenbart er auch dem Menschen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert
noch seinen nostalgischen Zauber.
Die Münze fällt, ein Licht blinkt auf, der armlange Klangzylinder beginnt zu rotieren. Die Zähne des Stimmkamms reißen die haarfeinen Walzenstifte an, im Hintergrund beginnen Zimbeln und Tschinellen zu vibrieren, vorne drehen sich beineschwingend winzige Trachtenpüppchen, und alle Bewegung mündet in Töne, und die Töne fügen sich zu einer Melodie, zu einem akustischen Gruß aus der Glanzzeit der boîte à musique.... dem "Donauwalzer" von Johann Strauß.
 
Mit dem Aufkommen des Grammophons Anfang des 20. Jahrhunderts war die große Zeit
der Spieldose vorüber. Krieg und europäische Wirtschaftskrise sorgten zudem dafür, daß das Interesse an dem Luxusartikel rapide schwand. Mit wiedererstarkender Ökonomie und dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam fernöstliche Konkurrenz auf.
Sie verwandelte das einst edle Musikgerät Spieldose zum Souvenir-Objekt. Spieldosen-Melodien erklangen fortan aus Lampenfüßen, Korkenziehern und sogar aus Toilettenpapierhaltern. Doch im Zuge des allgemeinen Trends zu "traditionellen" Werten erlebt auch die historische Spieluhr in jüngster Zeit eine Renaissance.
 
In Sainte-Croix entschloß sich die Firma Reuge bereits in den 60´er Jahren, erneut die Fabrikation großer Cartels aufzunehmen. Außerdem übernahm das Haus das auf Vogelautomaten spezialisierte Unternehmen Bontemps, eine Gründung des französischen Uhrmachers Blaise Bontemps, der den mechanischen Singvogel von Pierre Jaquet-Droz Anfang des 19. Jh. so verbesserte, daß seither bei der Produktion keine bedeutenden Änderungen vorgenommen werden mußten.
 
Auch im Kleinen spürt man in Sainte-Croix das wiedererstarkende Interesse an mechanischer Musik und an Automaten.
So schwebt im Entrée des CIMA-Museums ein schwarz-weißer Engel in nackter Schaufensterpuppengestalt. Er bewegt Arme, Beine, den Kopf - und atmet.
Francois Junod, ein Automatier aus Sainte-Croix, entwarf und realisierte dieses menschliche Himmelswesen aus Kunststoff und Metall, das inzwischen zum Werbe-Symbol wurde für das Centre International de la Mécanique d'Art.
 
 
Hier klicken
 
 
      Drei empfehlenswerte Bücher zu Alten Spieluhren
und Selbstspielenden Mechanischen Musikinstrumenten
 
 
Speziell zu Walzenspieldosen (!)
Sehr umfangreich mit vielen guten Fachbeiträgen zur
Geschichte & Technik sowie vielen guten Farbfotos.
 
Wohl eines der besten Bücher in Deutscher Sprache
zu alten Walzenspieluhren !
 
Klangkunst
200 Jahre Musikdosen - Sonderausstellung des Schweizerischen
Landesmuseum 1996 - In Form eines Ausstellungskatalogs
von Eduard C. Saluz
 
246 Seiten 77 s/w + 283 farbigen Abbildungen + 35 Zeichnungen
ISBN 3908025168
Mechanische Musikinstrumente - Einführung in Technik und Geschichte
 
Schon im Jahre 1987 erschien die erste Auflage des Buches "Mechanische Musikinstrumente".
Es behandelt alle Arten dieser Instrumente von der Antike bis in die Gegenwart. Es gilt seit langem als deutschsprachiges Standardwerk auf diesem Gebiet.
 
Das Buch war über viele Jahre vergriffen, blieb aber weiterhin sehr gefragt. Autor Herbert Jüttemann verfasste nun eine zweite Auflage, die im Verlag Dohr Köln erschienen ist.
 
Im Buch werden alle Formen von Mechanischem Musikinstrumenten mit sehr vielen Fotos und Abb. wiedergegeben. Dem Leser wird im Gegensatz zu anderen Werken auch in eigenen Kapiteln ihre Funktionsweise mit vielen Schemazeichnungen detailliert nahegebracht.
 
1. Auflage 1987
ISBN-10: 3923639716
 
2. Auflage 2010
ISBN-10: 3936655650
Encyclopedia of
Automatic Musical Instruments
 
Achtung! Alles in engl. Sprache. Mit sehr vielen originalen s/w Fotos
 
Über 1000 Seiten (!) Spieldosen/Spieluhren. Walzenspieldosen und Metallplattenspieldosen. Automaten, selbstspielende Orgeln, Orchestrions, Pianos, die ganze Palette selbstspielender Instrumente mit sehr vielen Informationen.
Das Internationale Standardwerk zu Mechanischen Selbstspielenden Musikinstrumenten.
Q. David Bowers - Vestal-Press/New York
ISBN 0911572082
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