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Autor dieser Seiten:  Detlef Knick - Berlin 
 
Stilepochen und Kunststile
 
 
 
 
Romanik
(1000 - ca. 1250)
Der Romanische Stil ist nach der Antike und dem Zerfall des Römischen Reiches die erste eigen-ständige Kunstepoche des Mittelalters. In den vorangehenden Jahrhunderten, der sog. Vorromanik, entwickelten sich seit Karl dem Großen Bestrebungen, die geistigen und kulturellen Kräfte jener Zeit zu bündeln und neue Impulse für ein sinnstiftendes Kunstschaffen zu geben.
In der R. fließen die Kunststile aus verschiedenen Geschichtsströmen zusammen: besonders stark wirken die antiken griechischen und römischen Elemente, daneben orientalische (byzantinische) Einflüsse. Als Gegengewicht zu diesen südländischen Manifestationen gewinnen auch typisch nordische Erscheinungen an künstlerischer Bedeutung.
Bestimmend für die Architektur ist die immer mächtiger werdende Kirche. So bezieht sich die Romanik ganz überwiegend auf die Baukunst und findet in vielen Sakralbauten ihren Ausdruck. Doch auch für Malerei und Bildhauerei läßt sich der Stilbegriff definieren.
Bei den Kirchenbauten wird der Typus der Basilika weiterentwickelt: die Ostseite wird betont durch das Hinzufügen eines Chors, und um die Proportionen zu wahren, errichtet man vielfach an der Westfront einen zusätzlichen, kleineren Chor; der mehrschiffige Kirchenlängsbau wird von einem Querschiff durchdrungen, wodurch man im Grundriß das christliche Symbol des Kreuzes nachahmt; die ganze Kirche flankieren hohe Türmen, um durch aufstrebende Vertikalität einen Ausgleich zur Horizontalen zu schaffen. Und man beginnt, im Inneren die Kirchenhalle durch ein System freitragender Mauerkonstruktionen zu überwölben.
Die romanische Basilika ist kein einheitliches Gefüge, sondern ein mehrgliedriger Gruppenbau. Deutlich wird dies auch an der wechselseitige Durchdringung von Rund und Eckig, von Zylinder-formen und Kuben; der Rundbogen gilt als beherrschendes Stilelement. Der Baukörper vermittelt den Eindruck einer unbelebten Massigkeit, die erst spät durch die Entwicklung von Zierformen aufgelockert wird.
Die Bildnerei vollzieht in langsamen Schritten die Entwicklung weg vom Flachrelief in Richtung auf die freistehende Plastik. Doch weder in der Bildhauerkunst noch in der Malerei (hier nur Wand-, Decken- oder Glasmalerei, Tafelgemälde sind noch die Ausnahme) verwirklicht man natürliche Körperformen. Kirchliche Strenge fordert in der künstlerischen Darstellung die Hinwendung zu tieferem symbolischen Gehalt, somit herrschen unnahbarer Ernst und mimische Ausdrucksarmut.
 
Gotik
(ca. 1250 - ca. 1500)
Ihren Ursprung nimmt die Gotik in Frankreich, wo sie sich seit der Mitte des 12. Jh.s zu entwickeln beginnt. Mit Ausbreitung in andere europäische Länder entfaltet sie sich zu höchster Blüte, allein in Italien schafft sie den epochebildenden Durchbruch nicht. Beherrschend ist in allen Bereichen die kirchliche Kunst, doch dem Zeitgeist und politischen Strömungen entsprechend erwachen Tenden-zen, sich unumschränkter religiöser Macht zu entziehen und ein weltliches Kulturverständnis zu fördern. Dies drückt sich auch in einer geänderten gesellschaftlichen Stellung der Frau aus, die in der Kunst sichtbar wird.
In der sakralen Baukunst wird die Basilika als ein auf körperliche Einheit gerichtetes Werk konzi-piert. Das Querschiff verschmilzt mit dem Langhaus und dem Chor zu einer Gesamtheit, dafür wird letzterer baulich erweitert und in seiner Bedeutung aufgewertet. Man ist bestrebt, die wuchtige Schwere der Bauten in luftige Grazilität umzuwandeln. Dies geschieht durch die Auflösung massi-ger Mauerstrukturen, die einem Skelettbau mit Pfeilern und Strebebögen weichen. Hochragende Fenster durchbrechen große Wandflächen und erweitern die Innenräume um die Lichtperspektive, die den Glauben an eine Erlösung in einem besseren Jenseits sinnlich wahrnehmbar machen soll.
Das Charakteristische der Gotik ist das in die Höhe Strebende, die Aufgabe der horizontalen Gliede-rung zu Gunsten der Vertikalen. Am deutlichsten wird dies in der Errichtung von Kirchtürmen teil-weise monumentaler Höhe. Diesem Prinzip gehorchen auch die Spitzbögen über Fenstern und Por-talen mit dem gotischen Maßwerk (das streng geometrische, "mit dem Zirkel gezeichnete" Orna-ment) und die ausgereiften Gewölbekonstruktionen.
In der Bildhauerkunst dominiert die Vollplastik, die aber immer noch architektonisch eingebunden bleibt. Neben unnatürlicher Idealisierung wagt man aber schon, der Darstellung des Menschen kör-perliche Züge von Wärme und Nähe zu verleihen. Erste Ansätze hiervon beobachtet man auch in der Malerei, die sich langsam emanzipiert und dem Tafelbild größere Wichtigkeit beimißt. Dank des gotischen Baustils erlebt die Glasmalerei einen Aufschwung, in dem sich hervorragende Meisterschaft offenbart.
    
Renaissance
(in Italien ab 1420
im übrigen Europa Ende 15.Jh. - ca. 1600)
Renaissance als "Wiedergeburt" bedeutet, daß man überkommene Vorstellungen des Mittelalters überwinden und etwas Neues schaffen wollte.
Weit über die Kunst hinaus hat man hierunter den Wandel des Menschenbildes zu verstehen, das erwachende Bewußtsein eigener Identität und Individualität. Mit dem Drang nach Geistesfreiheit wächst das Interesse an der Forschung und die Lust am Experiment. Es kommt zu einer intensiven Vermischung von Wissenschaft und künstlerischem Ausdruck, ja die Kunst selbst wird in den Rang einer Wissenschaft erhoben. Erstmals erkennt man zeitgenössische Künstler als historisch bedeutsame Persönlichkeiten an.
Italien schritt in dieser Entwicklung dem übrigen Europa voran. In Rückbesinnung auf Werte der Antike entsteht eine universale Bewegung, die sich aber außerhalb Italiens nirgends so kraftvoll durchsetzen kann. Zwar bleibt die Kirche der Hauptinitiator des Kunstschaffens, doch in den ande-ren Ländern verliert sie an Einfluß. Gleichzeitig treten weltliche Macht und Bürgertum als Auftraggeber und Mäzene selbstbewußter auf.
In der Baukunst sind die Gemeinsamkeiten der italienischen R. mit den nordischen Ländern be-grenzt. Italien fordert symmetrische Strenge und proportionale Harmonie, die Baukörper werden in der Horizontalen betont untergliedert. In der nördlichen Renaissance strebt man weiterhin vertikal in die Höhe und pflegt die Asymmetrie. Konsequent werden aber jetzt die Baugeschosse in voneinander abgesetzten Ebenen angeordnet. Antikisierende Stilelemente verwendet man in Nachahmung der italienischen Vorbilder.
Im Kirchenbau Italiens vollzieht sich der Wandel von der Basilika zum Zentralbau, in dem man das Ideal harmonischer Vollkommenheit erblickt. Erhabenheit und Macht werden in imposanten Kuppelkonstruktionen versinnbildlicht.
Die Bildnerei akzentuiert in freistehenden Skulpturen die Eigenständigkeit des Menschen. Naturalistische Gestaltung legt eine Würde in die Bildnisse, die den Menschen zum Maß der Dinge erhebt, und erstmals seit der Antike wagt man die Darstellung des nackten Körpers.
Größere Entwickungschancen besitzt die Malerei, die sich jetzt an die erste Stelle der Bildenden Künste setzt. Die technischen Ausdrucksmittel werden erweitert, Proportionslehre und wissen-schaftliche Erforschung der Perspektive eröffnen neue Wege künstlerischer Virtuosität. Bis dahin unerschlossene Sujets werden besetzt und schaffen eine inhaltliche Vielfalt, wie sie die Bildhauerei nie erreichen konnte. Die Graphik (Zeichnung ebenso wie Druckerzeugnisse) wird gleichrangiges Betätigungsfeld.
Auch das Kunstgewerbe nimmt einen Aufschwung, da mit steigendem Wohlstand die Nachfrage nach derartigen Erzeugnissen wächst. Zudem bereitet es den Zeitgenossen Vergnügen, auch in den scheinbar alltäglichen Dingen Gegenstände von künstlerischem Wert zu besitzen.
    
Manierismus
(ca. 1530 - 1600)
In der Übergangsphase von der Spätrenaissance zum Barock wird eine eigene Stilrichtung definiert, die strenggenommen nur für die Malerei gilt.
In weiten Teilen Europas herrschen religiöse Wirren, und die neugewonnene geistige Freiheit hat zu Erkenntnissen geführt, die das bisherige Weltbild erschüttern. Diese Verunsicherung erfaßt auch die Künste, doch nur die Malerei ist davon so stark berührt und besitzt die Ausdrucksvielfalt, hiervon bleibendes Zeugnis abzulegen.
Nicht die realitätsnahe Abbildung ist das Thema, sondern die individuelle künstlerische Interpretation. Die Bildkomposition als Ausdruck seelischer Verfassung führt zu einer Expressivität, der et-was Dramatisches innewohnt.
Disproportioniert wirken die Personen mit ihren kleinen Köpfen, sehr schlanken Körpern und in der Länge überstreckten Extremitäten. Die Perspektive wird entstellt, woraus sich unklar dimensionierte Räume mit Verzerrungen bilden. Angst und Unruhe auch bei der Farbgebung, die zwischen Hell und Dunkel krasse Übergänge mit strahlenden Lichtern neben unheilvoller Finsternis inszeniert.
    
  Barock
(1600 - ca. 1750, mit Einschränkung bis 1780)
Nach den Entfaltungsmöglichkeiten der Renaissance wurde der Drang nach geistiger Freiheit wieder eingeschränkt.
Der Dreißigjährige Krieg bringt Europa ein neues Mächtegleichgewicht, und er zerstört und entvöl-kert Deutschland, das erst nach Jahrzehnten kulturellen Anschluß an die anderen Nationen finden kann. Der Absolutismus festigt die monarchische Macht, die ihren Untertanen bedingungslosen Gehorsam abverlangt, und die nach der Gegenreformation wiedergenesene Katholische Kirche sucht unverbrauchte künstlerische Ausdrucksformen.
In Italien liegt die Keimzelle der neuen Epoche. Von hier aus ergreift das B. die überwiegend katho-lischen Länder, wo es gelingt, die Verherrlichung religiöser Heilsbotschaften in spirituelle Erfahrungen umzusetzen. Auf weltlicher Seite ist die Zurschaustellung unumschränkter Herrschaft oberste Pflicht der zeitgenössischen Künstler.
Das Charakteristische seiner Zeit sind die übersteigerten Dimensionen. Schwellende Bewegungen und üppige Formen als Ausdruck von Kraft, Leidenschaft und Feierlichkeit. Überladener Schmuck zeugt von Phantasie und Prunksucht. Architektur, Plastik und Malerei fließen ineinander über, das Bauwerk soll als Gesamtkunstwerk begriffen werden, ein Eindruck, den man durch raffinierte Lichteffekte noch zu steigern weiß.
In der Kirchenbaukunst verschmilzt man den Langbau der Basilika mit dem Zentralbau, die strenge Geradlinigkeit wird durch Kreise und Ellipsen in dynamische Schwünge übergeleitet.
Pathetischer Inhalte bedient sich auch die Malerei, die das Bild zu einer Szene macht, in der sich wirkliches Leben mit phantastischem Überirdischen vereint. Der Farben- und Formenreichtum wird mittels ausgefeilter Lichkomposition in einen höheren, geistigen Zusammenhang gestellt.
 
Louis-Quatorze (Ludwig XIV)
Die unter dem Sonnenkönig Ludwig XIV (1643 - 1715) herrschende Ausprägung des Barock wird nach dem Monarchen benannt. In seinem Auftrag und nach seinen Wünschen entstehen die wertvollsten Werke, wodurch Frankreich in Architektur und Kunstgewerbe die Spitzenstellung im Bereich des profanen Barock einnimmt.
    
Rokoko
(ca. 1730 - 1780)
Kunsthistorisch ist es strittig, ob das Rokoko eine eigene Stilepoche begründet oder nur als Abwandlung des Barock in seiner Spätphase zu sehen ist. Seinen Namen hat es von dem prägenden Stilelement der Rocaille, einem geschweiften Muschelornament.
Künstlerisch entwickelte es sich aus dem Barock, es manifestiert sich aber zuerst im Kunstgewerbe, wo schwülstiges Pathos in leichte, grazile Bewegungen abgewandelt wird. Alles Geradlinige löst sich in geschwungenen Formen auf, die als konstruktive Elemente eingebunden oder als verschwenderisches Zierwerk aufgesetzt werden. Es besteht eine Neigung zur Asymmetrie.
Das Spielerische in der Dekoration findet nur zögernd eine Entsprechung in der Baukunst, wo mo-numentale Ausmaße beibehalten werden; in Ansätzen versucht man eine lichtere Gliederung des Baukörpers zu erzielen.
Die Malerei wendet sich von den ernsten Themen ab und findet neue Inhalte in beschwingter Le-bensfreude. Freimütig überschreitet man dabei die Grenzen zur Frivolität.
Die Leichtigkeit des Empfindens wird durch zunehmende Aufhellung der Farben bis zu unnatürli-chen Nuancen hervorgehoben.
In Frankreich bezeichnet man die dem Rokoko entsprechende Stilrichtung nach dem damaligen Herrscher, König Ludwig XV. (1723 - 1774) als Louis-Quinze.
 
Klassizismus
(ca. 1780 - 1850)
Mit dem Ausklingen des Barock fand die letzte europäische Kulturepoche ihr Ende. Fast ein Jahr-tausend gemeinsamen Kunstschaffens hatte der Kontinent hinter sich. Seit der Romanik war jede Epoche entwicklungsgeschichtlich aus der vorangehenden geboren worden. Trotz bedeutender regi-onaler Unterschiede und uneinheitlicher Abläufe lassen sich bestimmende übernationale Gemein-samkeiten feststellen. Jede Zeit besaß ihre ureigenen schöpferischen Kräfte und war dennoch dem Anderen, Neuen gegenüber aufgeschlossen. So wurde uns ein gesamteuropäisches Kulturerbe hinterlassen.
Der Beginn des Klassizismus markiert den Anfang einer neuen Zeit. Die schöpferischen Impulse kommen nie mehr so machtvoll in Bewegung, daß daraus eine Jahrhunderte überdauernde, verbindende Kultur hätte entstehen können. Aufrüttelnde Gedanken setzen Umwälzungen in Gang, die den Lauf der Geschichte beschleunigen, industrielle Revolution und technischer Fortschritt machen den Lebensrhythmus des Einzelnen schneller und Werte vergänglicher.
Die allgemeine Sinnsuche ergreift auch die Kunst und bewirkt orientierungslose Kurzlebigkeit. Deutlich wird dies an den rasch aufeinanderfolgenden Kunststilen, die höchstens wenige Jahrzehnte überdauern und der Aufsplitterung Europas in nationalistische Blöcke keine Integrationskraft entgegensetzen können.
Der Klassizismus versteht sich als bewußte Gegenbewegung zu dem Bombast des Barocks. Man entdeckt die Schönheit und Großartigkeit antiker Vorbilder, die Beschäftigung mit klassischer Geschichte und ihren Idealen durchdringt alle Bereiche des Geisteslebens. Unter diesen Voraussetzungen wollte man einen neuen, edlen Stil kreieren.
Die Linien werden gerade und klar, Flächen aus geometrischen Formen gezeichnet, weiche Run-dungen als unbrauchbar verworfen. Das Ornament verliert seine Plastizität, es herrscht die sparsame Verwendung antikisierender Motive vor.
Die weltliche Baukunst schafft schlichte Bauwerke in enger Anlehnung an ihre Vorbilder. Die Bildhauerei bevorzugt wegen seiner Kühle weißen Marmor als Material. Lineare Klarheit im Bildaufbau und dunkle Farbtöne dominieren, zumindest eine Zeit lang, die Malerei.
Leider ist Klassizismus nur ein Sammelbegriff für eine Epoche, die selbst wieder in verschiedene Stilrichtungen zerfällt. Entsprechend schwer ist es, die einzelnen Episoden kunstgeschichtlich zu ordnen und Gesetzmäßigkeiten aufzuzeigen. Die gängigen Definitionen beziehen sich hauptsächlich auf das Kunstgewerbe und die Innenarchitektur, für die klassischen Bildenden Künste besitzen sie weniger Bedeutung.     
  
Louis-Seize
(Ludwig XVI ca. 1760 - 1790)
Die unter der Regentschaft Königs Ludwigs XVI. (1774 - 1792) herrschende Übergangsphase nach dem Rokoko gilt als das goldene Zeitalter der französischen Möbelkunst. Die Linienführung wird wieder ruhig, die Farben unaufdringlicher als zuvor, und dennoch werden in dieser Zeit die wertvollsten und teuersten Möbel hergestellt.
    
Zopfstil
(ca. 1770 - 1790)
So lautet die abschätzige Bezeichnung für die deutsche Übergangsphase vor dem Klassizismus. In Anspielung auf die Haartracht versteht man hierunter das unnatürlich Steife und Kraftlose einer emotionsarmen Kunst.
    
Empire
(ca. 1800 - 1815)
Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts drückt Napoleon dem europäischen Kontinent seinen Stempel auf. Auch sein persönlicher Kunstgeschmack begründet eine eigene Epoche, die in allen Ländern Anklang findet.
Strenge Linienführung trennt die Flächen voneinander, doch wirken die Möbel durch das über-gangslose Nebeneinander architektonischer Formen unnatürlich konstruiert. Das Mobiliar neigt zu monumentaler Größe und betont die Macht seines Besitzers. Der Dekor zeigt neben griechisch-römischen bevorzugt ägyptische Elemente, deren Wucht durch massive Gold- und Bronzebeschläge gesteigert wird.
 
Biedermeier
(1815 - 1848)
Das napoleonische Joch war abgeworfen, doch die Freiheitssehnsucht des Volkes bleibt unerfüllt. Entmutigt zieht man sich in selbstgenügsame Bürgerlichkeit zurück und verhält sich - vorerst - friedlich. Der allgemeinen Beschaulichkeit wegen nennt man diese Epoche ironisch die Biedermei-erzeit, ein Stilbegriff, der sich auch für das Kunstgewerbe etabliert hat.
Biedermeiermöbel erscheinen leicht, aber solide gearbeitet. Gerundete Formen passen sich bequem dem Körper an und stellen den Menschen und nicht sein Geltungsbedürfnis in das Zentrum. Beim Holz überwiegen helle Farben, man läßt die natürliche Maserung oder sparsame Intarsierung als Dekor gelten. Der stilisierte Schwanenhals und das Füllhorn bilden zierlich auslaufende Formen, die Lyra sowie das Blumenornament werden zu beherrschenden Stilelementen.
   
Historismus
auch Gründerzeit oder Eklektizismus genannt
(ca.1850 - 1890)
Der Stilmischmasch der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigte alles, nur keine eigenständige schöpferische Kraft.
Die Welt dreht sich noch schneller als in den Jahrzehnten zuvor: Die Industrialisierung bietet die Möglichkeit zur Massenproduktion, auch im Kunstgewerbe, und beschert den Mittelschichten zunehmenden Wohlstand. Globale Wanderungsbewegungen setzen ein und intensivieren den Aus-tausch mit fremden Kulturen; gleichzeitig spürt man ein Erstarken patriotischer Tendenzen. In dem Maße, wie revolutionierende Erkenntnisse das Wissen verändern, sucht man Zuflucht bei den Vorbildern der Antike.
In diesen Jahren wurde, wie Kritiker später anprangerten, ohne tieferes Verständnis mit den Stilen der Vergangenheit experimentiert. Sämtliche Kunstepochen der europäischen Geschichte feiern ihre Wiederauferstehung. Hinzu gesellen sich Einflüsse aus exotischen Kulturkreisen, die kritiklos über-nommen und mit dem Bestehenden vermischt werden.
Am dauerhaftesten kann sich diese stilistische Vermengung in der Architektur behaupten, wo man barockes Pathos als Ausdruck nationalistischen Hochgefühls ganz besonders liebte. Es entstehen weltliche und kirchliche Monumentalbauten, die bis heute das Bild unserer Städte prägen.
Die Malerei bringt Kolossalgemälde hervor und vollzieht die Rückwendung zu dunklen, bedrückenden Farbtönen.
Am vehementesten verurteilen Kritiker das Kunstgewerbe jener Zeit. Hier wurden Werke alter Meister einfach imitiert, oder man konstruierte massige Formen, die mit Zierelementen überladen ihre Umgebung erschlugen.
      
Jugendstil
franz. Art Nouveau, engl. Modern Style
(1895 - 1905)
Namhafte Künstler suchen sich Ende des 19. Jahrhunderts von den Zwängen eines erstarrten Zeit-geistes zu befreien und wollen dem uninspirierten Historismus eine ambitionierte Kunst entgegen-setzen. Aus Protest entwickelt sich eine Kunstbewegung, die modern und ehrlich sein wollte, sich aber dennoch in dekorativen Spielereien verliert.
Länderübergreifend entsteht vor dem Ersten Weltkrieg dieser Stil, der Kunstgewerbe und Innenar-chitektur bestimmt, in der Malerei und Baukunst aber nur schmückendes Beiwerk bleibt.
Das Design hat mutig und anmutig zu sein bei gleichzeitiger Funktionalität. Großflächige vegetabile Ornamente enden in langstieligen Ranken, die bei Möbeln übergangslos in die konstruktiven Tei-le mit einfließen. Schattenwerfende Plastizität oder der Eindruck von Raumillusion soll vermieden werden.
Die deutsche Spielart des J.s beschränkt sich auf schwungvollen Dekor, während im frankophonen Raum seine Prinzipien wesentlich stärker strukturbildend wirken.
Obwohl es in der Malerei einen eigenständigen Jugendstil nicht gibt, lassen sich Berührungspunkte wahr-nehmen: die Perspektive tritt zurück, und man erzielt den künstlerischen Ausdruck durch Konzent-ration auf flächige Farbwirkung und stilisierte Linienführung.
In der Architektur löst man sich von der steinernen Schwere und ist bemüht, die Bauten durch Glas und filigrane Stahlkonstruktionen aufzulockern. In der Dekoration und in heiterer Asymmetrie kommen auch hier Anklänge des Jugendstils zum Vorschein.
Der Jugendstil hatte sich nach kurzer Zeit selbst überlebt. Abgesehen von der Wertschätzung, die seine Erzeugnisse heute genießen, bleibt ihm das Verdienst, der entscheidende Wegbereiter der modernen Sachlichkeit gewesen zu sein.
 
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